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Zungenband – zwischen Trend und Tabu

Kinder Kontrolle | Zahnmedizin Praterstraße

Kaum ein Thema wird aktuell so emotional diskutiert wie das Zungenband. Die einen sehen darin die Ursache für nahezu jedes Stillproblem. Die anderen halten das Thema für einen überbewerteten Trend. Und genau zwischen diesen beiden Polen bewegen sich viele Eltern – verunsichert, überfordert und auf der Suche nach Antworten.

Ich selbst beschäftige mich mittlerweile seit eineinhalb Jahren intensiv mit dem Thema Zungenband. Ausgelöst hat diese Reise mein eigenes Kind. Ich habe die funktionell relevante orale Restriktion damals selbst übersehen, obwohl ich Zahnärztin bin. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Sie war der Beginn unzähliger Fortbildungen, Fachbücher, Hospitationen und vieler Gespräche mit Stillberaterinnen und Stillberatern, Logopädinnen und Logopäden, Therapeutinnen und Therapeuten sowie betroffenen Familien.
Je tiefer ich in das Thema eintauche, desto öfter stelle ich mir jedoch eine andere Frage:

Warum ist das Zungenband eigentlich so sehr in der Zahnmedizin angekommen?

Eigentlich würde ich mir wünschen, dass funktionell relevante orale Restriktionen viel früher erkannt werden – nämlich dort, wo Babys und ihre Familien von Anfang an begleitet werden: in der Kindermedizin. So könnten betroffene Kinder frühzeitig erkannt und gemeinsam mit Stillberaterinnen und Stillberatern, Logopädinnen und Logopäden, Osteopathinnen und Osteopathen und weiteren Fachpersonen interdisziplinär begleitet werden.

Je mehr Wissen, desto mehr Meinungen

Was mich in den letzten Monaten besonders beschäftigt hat: Mit jeder Fortbildung scheinen die Fronten verhärteter zu werden. Es gibt unterschiedliche Konzepte, unterschiedliche Diagnostik-Modelle und teilweise völlig gegensätzliche Ansichten. Das Thema ist längst nicht mehr nur fachlich, es ist oft auch emotional. Und genau das macht es für Eltern so schwierig. Denn wenn Expertinnen und Experten völlig unterschiedliche Empfehlungen aussprechen, bleibt am Ende häufig Unsicherheit zurück.

Was ich heute über das Zungenband denke

Nach vielen Fortbildungen und Gesprächen haben sich für mich einige Grundsätze herauskristallisiert.

Funktionell relevante Zungenbänder gibt es.
Sie können das Stillen, Schlucken, die Atmung oder die Mundfunktion beeinträchtigen. Werden sie übersehen, kann das für betroffene Familien sehr belastend sein.

Gleichzeitig ist nicht jedes auffällige Zungenband behandlungsbedürftig.
Die Anatomie allein reicht aus meiner Sicht nicht aus, um eine Entscheidung zu treffen. Entscheidend ist immer die Funktion. Wie bewegt sich die Zunge? Wie funktioniert das Saugen? Wie ist das Schluckmuster? Wie entwickelt sich die Mundfunktion insgesamt? Erst das Gesamtbild erlaubt eine sinnvolle Beurteilung.

Stillprobleme haben selten nur eine Ursache.
Geburtsverlauf, Muskelspannung, Saugkoordination, Stillmanagement, orale Funktionen und viele weitere Faktoren spielen häufig zusammen. Das Zungenband ist dabei ein möglicher Baustein, aber eben nicht immer die einzige Ursache.

Eine Trennung ist kein Wundermittel.
Auch das halte ich für einen wichtigen Punkt. Eine Frenotomie kann bei den richtigen Kindern eine große Erleichterung bringen. Sie ist aber keine Garantie für problemloses Stillen oder eine optimale Kiefer- und Sprachentwicklung. Ebenso wenig lassen sich alle Beschwerden ausschließlich auf ein Zungenband zurückführen. Oft beginnt die eigentliche Arbeit sogar erst nach dem Eingriff – mit funktioneller Nachbetreuung, Übungen und interdisziplinärer Begleitung.

Was Eltern wirklich brauchen

Aus meiner Sicht brauchen Eltern keine Lager und keine Dogmen. Sie brauchen Menschen, die bereit sind, genau hinzuschauen, zuzuhören und gemeinsam abzuwägen. Wir sollten weder jedes Zungenband vorschnell trennen noch Beschwerden vorschnell als „normal“ abtun. Beides hilft Familien nicht weiter.

Mein Wunsch für die Zukunft

Ich wünsche mir, dass wir beim Thema Zungenband wieder mehr miteinander als gegeneinander arbeiten. Dass Kinderärztinnen und Kinderärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Stillberaterinnen und Stillberater, Logopädinnen und Logopäden, Osteopathinnen und Osteopathen sowie alle beteiligten Berufsgruppen ihre unterschiedlichen Perspektiven zusammenbringen.

Denn am Ende geht es nicht darum, welche Fachrichtung recht hat. Es geht um das Kind. Und um Familien, die sich eine ehrliche, evidenzbasierte und gleichzeitig individuelle Begleitung wünschen.

Denn genau das brauchen Eltern aus meiner Sicht am meisten:

  • eine sorgfältige Funktionsdiagnostik,
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit,
  • evidenzbasierte Aufklärung,
  • und Raum für individuelle Entscheidungen – ohne Druck, ohne Schuldgefühle und ohne Angst.
Dr. Silvie Aschauer erklärt ganzheitliche Zahnbehandlung im Wiener Ordinationsraum

Dr. med. dent. Silvie Aschauer
Ihre Begeisterung für die Medizin war von Kindheit an da, seit ihrem Studium kann Silvie ihre Leidenschaft für ganzheitliche Medizin leben. Es fasziniert sie, hinter Symptomen nach wahren Ursachen zu forschen – und Zahnmedizin konsequent weiterzudenken.

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